„Brauchen wir den Weltfrauentag eigentlich noch?“
Diese Frage taucht jedes Jahr im März auf. Schließlich dürfen Frauen in Österreich und Europa wählen, studieren, Unternehmen führen und politische Ämter bekleiden. Vieles wurde erreicht, vieles erkämpft. Doch Gleichberechtigung – auch wenn sie das selbstverständlich sein sollte – ist in der Realität kein Zustand, der irgendwann abgeschlossen ist. Sie ist – heute wie vor 100 Jahren – ein fortlaufender Prozess.
Gerade deshalb bleibt der 8. März relevant: nicht als bloßer Feiertag, sondern als Moment der ehrlichen Bestandsaufnahme. Denn so selbstverständlich formale Gleichstellung heute wirkt, so deutlich zeigen Zahlen, dass reale Gleichheit noch nicht erreicht ist.
Ein besonders sichtbares Beispiel ist die Lohnschere zwischen Frauen und Männern. In Österreich lag der unbereinigte Gender Pay Gap 2023 bei 18,3 Prozent – deutlich über dem EU-Durchschnitt von 12 Prozent. Frauen verdienen damit im Durchschnitt fast ein Fünftel weniger pro Arbeitsstunde als Männer. Diese Differenz ist keine abstrakte Statistik, sondern wirkt sich konkret auf Lebensverläufe aus: geringere finanzielle Unabhängigkeit, weniger Vermögensaufbau, niedrigere Pensionen. Der Equal Pay Day, der 2025 auf den 2. November fiel, macht diese Ungleichheit symbolisch sichtbar – ab diesem Datum arbeiteten Frauen rechnerisch „gratis“, weil bis dahin Männer bereits so viel verdient hatten wie Frauen im gesamten Kalenderjahr.
Die Einkommenslücke hängt eng mit der Struktur des Arbeitsmarktes zusammen. In Österreich arbeiten rund 66 Prozent der Frauen in Vollzeit, bei Männern sind es 92 Prozent. Teilzeit ist dabei häufig keine freie Entscheidung, sondern die Folge ungleich verteilter Betreuungs- und Pflegearbeit und wohl auch der ungleichen Art des Arbeitsmarktangebots. Wer Care-Arbeit (Sorgearbeit) übernimmt, reduziert oft Arbeitsstunden – und damit Einkommen und Karrierechancen. Dass Österreich im Women in Work Index 2025 lediglich Rang 27 von 33 OECD-Ländern einnimmt, zeigt, dass hier noch deutlicher Aufholbedarf besteht.
Doch wirtschaftliche Ungleichheit ist nur ein Teil des Bildes. Gleichstellung betrifft Lebensrealitäten insgesamt – und die unterscheiden sich stark. Frauen sind keine homogene Gruppe. Herkunft, soziale Lage, Behinderung oder sexuelle Orientierung beeinflussen, welche Hürden jemand erlebt. Wer mehrfach marginalisiert ist, begegnet oft zusätzlichen Barrieren im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt oder im Gesundheitswesen. Eine zeitgemäße Gleichstellungspolitik muss diese Vielfalt berücksichtigen, statt sie zu vereinfachen.
Hinzu kommt ein Bereich, der die Debatte immer wieder erschüttert und dennoch häufig zu kurz kommt: Gewalt gegen Frauen. Sie ist kein Randphänomen, sondern Teil gesellschaftlicher Realität – im privaten Umfeld, im öffentlichen Raum und zunehmend auch digital. Solange Sicherheit und körperliche Selbstbestimmung nicht selbstverständlich sind, bleibt Gleichberechtigung unvollständig. Gewaltprävention, Schutzangebote und konsequente rechtliche Maßnahmen sind daher ebenso Teil der Gleichstellungsfrage wie Lohntransparenz oder Arbeitsmarktpolitik.
Als Fachstelle für Prävention Niederösterreich möchten wir durch Präventionsarbeit und Lebenskompetenzförderung zur Gleichstellung beitragen. Kinder, Jugendliche, Eltern/Erziehende und Pädagog*innen werden in den Bereichen Suchtprävention, Sexualpädagogik und Gewaltprävention unterstützt. Durch Workshops, Fortbildungen und Vorträge werden Kompetenzen vermittelt, die helfen, selbstbestimmt zu handeln, Grenzen zu erkennen, Konflikte gewaltfrei zu lösen und Beziehungen respektvoll zu gestalten.
Für Eltern/Erziehende und Pädagog*innen bedeutet das: Sie können aktiv dazu beitragen, Gleichberechtigung im Alltag erfahrbar zu machen – sei es durch offene Gespräche über Rollenbilder, die Förderung kritischen Denkens, die Stärkung sozialer Fähigkeiten oder durch das bewusste Hinterfragen und Aufbrechen stereotypischer Erwartungen. Themen wie Gender, Gleichberechtigung und Lebenskompetenzen sollen gezielt angesprochen werden – wie im Erlass des Bildungsministeriums (vgl. BMBWF 2018/21). So wird deutlich, dass Gleichberechtigung nicht nur ein abstraktes Prinzip ist, sondern im Alltag gelebt werden kann, und dass jede*r Einzelne in ihrem*seinem Umfeld einen Beitrag leisten kann.
Blumen und Rabattaktionen stehen in starkem Kontrast zu den strukturellen Problemen, die der 8. März eigentlich sichtbar machen soll. Symbolische Gesten können Aufmerksamkeit schaffen, doch sie ersetzen keine echten Veränderungen. Gleichstellung am Arbeitsmarkt braucht faire Bezahlung und transparente Gehaltsmodelle. Sie braucht eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit und politische Rahmenbedingungen, die echte Wahlfreiheit ermöglichen. Und es erfordert die klare Haltung der Gesellschaft: Gleichberechtigung ist kein Privileg, sondern muss eine demokratische Selbstverständlichkeit sein.
Der Weltfrauentag ist deshalb weniger ein Tag des Feierns als ein Prüfstein: Wie weit sind wir wirklich? Wo bestehen Fortschritte – und wo verharren wir im Stillstand?
Wir brauchen den 8. März nicht, um Frauen symbolisch zu würdigen. Wir brauchen ihn, weil formale Gleichheit noch immer von realen Lücken begleitet wird – in Einkommen, Erwerbsbeteiligung, Sicherheit und gesellschaftlicher Teilhabe.

AUTORIN
Projektleitung Suchtprävention
02742 – 31440 DW 14
Arbeitsmarktservice Österreich. (2025). Equal Pay Day: Informationen zur Einkommensungleichheit. https://www.ams.at/arbeitsuchende/frauen/equal-pay-day
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung [BMBWF]. (2018). Rundschreiben 2018/21: Gender- und Gleichstellungsaspekte in Schule und Unterricht. https://rundschreiben.bmbwf.gv.at/media/2018_21_lo.pdf
PwC Österreich. (2025). Stillstand bei der Gleichstellung: Women in Work Index 2025. https://www.pwc.at/de/presse/2025/stillstand-bei-der-gleichstellung.html
Statistik Austria. (2025). Gender-Statistik 2025: Einkommen und Erwerbstätigkeit. Statistik Austria. https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2025/03/20250305GenderStatistik2025EN.pdf
Österreichischer Städtebund. (2025). Gleichstellungsindex 2025: Gewalt gegen Frauen in Österreich. https://www.staedtebund.gv.at/fileadmin/USERDATA/themenfelder/Frauen/Dokumente/2025_02_Staedtebund_AK_Gleichstellungsindex_Fazit.pdf
UniNEtZ – Universitäten und Nachhaltige Entwicklungsziele. (o. J.). SDG 5: Geschlechtergleichstellung. https://www.uninetz.at/en/sdgs/sdg‑5
The Guardian. (2024, November 25). One third of women across EU have experienced violence, survey finds. https://www.theguardian.com/world/2024/nov/25/one-third-of-women-across-eu-have-experienced-violence-survey-finds




